Gut gemeint ist nicht immer gut

Kasimir war aufgebracht. Er war gerade von einem Vortrag unter den alten Eichen am Waldrand zurückgekehrt, wo Heinrich Wöller, ein weiser Wildbienen-Experte über die Nistbiologie und die wahren Bedürfnisse seiner solitären Cousins referiert hatte. Mit diesem Wissen flog er sofort zu Ambrosios und summte seine Wut aus sich heraus.

„Da fliegen wir täglich über die Gärten und suchen den Nektar in den Blumen, und was sehen wir dort an den Hauswänden hängen? Sie nennen es „Bienenhotels“. Wir, die wir tagtäglich unsere wilden Schwestern – die Mauerbienen, die Sandbienen, die Pelzbienen – beobachten, müssen heute unser Schweigen brechen.“

Dies ist eine Anklage. Eine Anklage gegen den „Deko-Kitsch“, der massenweise aus Fernost importiert wird und den ihr voller Stolz an eure Fassaden nagelt, während ihr glaubt, Gutes zu tun. Ihr habt das Herz am rechten Fleck, doch eure Wahl der Mittel ist ein Verrat an unseren wilden Verwandten.

Hört unsere Klage:

Wie könnt ihr es „Hotel“ nennen, wenn es eine so gefährliche Irreführung ist?

  1. Die Splitter-Fallen: Unsere wilden Schwestern haben hauchzarte, empfindliche Flügel. Sie sind ihr wichtigstes Werkzeug, ihr Leben. Die minderwertigen Bohrlöcher in eurer Massenware sind voller Holzsplitter. Wenn eine Mauerbiene versucht, in diese Löcher zu kriechen, zerfetzt sie sich ihre Flügel an eurem billigen, unsauber gebohrten Holz. Ein „Hotel“ mit Splittern ist keine Herberge – es ist eine Gefahr.
  2. Giftige Versprechen: Ihr verbaut weiches Nadelholz, das harzt, wenn die Sonne darauf brennt. Dieses Harz verklebt die Brutröhren und erstickt das Leben, das darin entstehen sollte. Und dazu diese Lacke und chemischen Leime! Unsere wilden Verwandten haben einen so feinen Geruchssinn – diese Ausdünstungen sind für sie wie ein Warnsignal vor dem Tod.
  3. Die Ruinen des Schimmels: Ihr vergesst das Dach. Ohne Schutz vor dem Wetter fault das Holz auf, Feuchtigkeit dringt ein, und Schimmel breitet sich in den Brutgängen aus. In euren sogenannten „Hotels“ stirbt der Nachwuchs nicht an Kälte, sondern an eurem Geiz beim Bau – weil ihr an einem Kupferdach oder einer wetterfesten Konstruktion gespart habt.
  4. Die „Sinnlos-Füllung“: Tannenzapfen? Stroh? In einem Insektenhotel? Das mag für eure menschlichen Augen ordentlich aussehen, aber für uns ist es purer Hohn. Das zieht Spinnen und Ohrenkneifer an – Räuber, die unsere hilflosen Larven fressen, statt sie zu schützen. Das ist kein Lebensraum, das ist ein bequemes Buffet für unsere Feinde.
  5. Die tödliche Kurzatmigkeit: Viele eurer „Hotels“ sind so flach, dass sie keinen Schutz bieten. Echte Wildbienen brauchen Tiefe, um sicher nisten zu können. Die Industrie baut kurz und knapp, um Material zu sparen, und überlässt die Brut den Schlupfwespen, die in diesen kurzen Röhren leichtes Spiel haben.

Ihr Menschen wollt helfen, das sagen wir nicht ab. Aber ihr seid auf ein Marketing hereingefallen, das den Artenschutz zur Dekoration degradiert hat. Ein echtes Zuhause für unsere Schwestern braucht handwerkliche Präzision: spiegelglatte Wände, massives, unbehandeltes Holz, verlässlichen Witterungsschutz und die richtige Tiefe.

Alles andere ist kein Schutz – es ist eine Falle.

Wenn ihr uns wirklich helfen wollt, dann hört auf, dieses Billigspielzeug zu kaufen. Schaut genau hin, wer das baut und aus welchem Material. Wir Wildbienen brauchen keinen „Deko-Kitsch“, wir brauchen echten Lebensraum, solide gebaut, wie von unserem Architekten Heinrich Wöller aus Thüringen und mit Bedacht für unsere Bedürfnisse.

Kasimir lässt sich von der Hummel erklären, warum sie doch fliegen kann

Kasimir ist in einem Blumenstrauß eingeschlafen und in einem Blumenladen wieder aufgewacht. Als er fliehen wollte, konnte der beobachten, wie auch eine Hummel gerade versucht, wieder in die Freiheit zu gelangen. Dabei war sie so geschickt und schnell, dass Kasimir alle Flügel voll zu tun hatte, ihr zu folgen. Dabei heißt es doch, dass Hummeln durch ungünstige Voraussetzungen, wie das Verhältnis von Flügel zur Körpergröße, schlechte Flieger sein müssten?

Stell dir vor, liebe Biene, wir hätten uns alle an die Regeln gehalten, die die großen, klugen Menschen aufgestellt haben. Dann würden wir jetzt beide am Boden sitzen und uns wundern, warum wir nicht fliegen können. Aber weißt du, manchmal ist die Natur viel cleverer als alle Formeln und Gesetze der Welt.

Sie haben uns für zu schwer gehalten, oder? Zu schwer für unsere kleinen Flügel. Aber haben sie denn daran gedacht, wie schnell wir unsere Flügel bewegen können? Und dass unsere Flügel nicht einfach nur auf und ab schlagen, sondern auch drehen und so kleine Wirbel in der Luft erzeugen? Diese Wirbel musst du dir vorstellen, sind wie winzige Tornados, die uns nach oben tragen, sie sind so flexibel wie kleine Gummis, die sich in alle Richtungen biegen können. Das macht uns so wendig und hilft uns, auch bei starkem Wind zu fliegen.

Und dann haben sie noch unsere Haare vergessen! All diese feinen Härchen auf unserem Körper helfen uns dabei, uns in der Luft zu halten. Siehst du, liebe Biene, wir sind nicht nur einfach so gebaut, wie es die Menschen in ihren Büchern stehen haben. Wir sind viel mehr als das. Wir sind kleine Flugwunder. Wir sind wahre Geschwindigkeitskünstler! Mit unseren schnellen Flügelschlägen erzeugen wir so viel Auftrieb, dass wir sogar rückwärts fliegen können. Wir Hummeln können sogar in großer Höhe fliegen, wo die Luft dünner ist. Das haben wir geschafft, indem wir uns im Laufe der Zeit an diese Bedingungen angepasst haben.

Kasimir war schwer beeindruckt und ein bisschen eingeschüchtert bedankte er sich bei der Hummel für die ausführliche Beantwortung seiner Frage.

Wie Kasimir aus einem beschaulichen Dasein vertrieben wurde, um in einer machtbesessenen Umgebung zu landen

Bei einem ihrer täglichen Kontrollflüge konnte Wallerie beobachten, wie die Bienenmutter (so nannten sie die Imkerin) Met in Flaschen abfüllte. Wallerie informierte Kasimir, weil sie wusste, dass er Met liebte.

„Weißt du Wallerie, der Geschmack des Mets erinnert mich an meine Zeit im Kloster von La Celle in der Provence in Frankreich. Das war im 17. Jahrhundert. Es war ein sehr streng geführtes Kloster, in dem Klausurnonnen lebten. Ich habe mich die meiste Zeit in ihrer Bibliothek aufgehalten, bis die Unruhen der Französischen Revolution bis zu unserem Kloster vordrangen. Das Schicksal wollte es, dass ich bei meiner Flucht zufällig in Paris im Garten von Schloss Malmaison eine Unterkunft fand. Dort lernte ich Napoleon Bonaparte kennen. Er ließ mich gewähren. Wahrscheinlich, weil er wusste, dass wir Bienen die Menschen verstehen können. Eines Tages nahm er mich sogar mit nach Italien, wo ich das erste Mal mit Ambrosius zusammenkam. Aber das ist eine längere Geschichte, die du dir am besten von Ambrosius selbst erzählen lässt. Leider hat Napoleon uns Bienen als sein Machtsymbol gewählt. Wir sollen in seinen Augen für die Unsterblichkeit und Wiedergeburt stehen.“